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4.12.2005
Protestaktionen zum 3.12.2005 » Presse
Neonazi-Aufmarsch in Karlsruhe mit friedlichem Protest verhindert -
trotz Behinderung durch BuS und OB
Samstag, 3. Dezember in Karlsruhe - ein Tag der öffentlich bekundeten
Demokratie. Weil die BürgerInnen deren Verteidigung in die eigenen
Hände genommen hatten, blieb die Stadt von einem geplanten
Neonazi-Aufmarsch verschont. Über 400 BürgerInnen waren dem Aufruf
des Antifaschistischen Aktionsbündnisses zu einer
Auftakt-Protestkundgebung auf den Kronenplatz gefolgt, die nach einem Umzug
durch die Stadt auf dem Bahnhofsvorplatz mit über 1000 TeilnehmerInnen
abgeschlossen wurde. Die Neonazis wollten zeitlich abgestimmt in Rastatt und
danach in Karlsruhe mit einem Fackelzug aufmarschieren.
Dagegen hatte sich ein breites Bündnis aus 74 Organisationen und
Gruppen einschließlich 11 Bundes- und Landtagsabgeordnete gebildet. Dem
Protest war eine eindrucksvolle Serie von Mobilisierungsveranstaltungen
vorausgegangen, in denen über Faschismus und Neofaschismus
aufgeklärt wurde.
Silvia Schulze und Elwis Capece vom Bündnis betonen in der
Begrüßung, dass das Leitmotiv "Weiße Rose gegen braune
Gewalt - ohne Nazis und Rassisten leben" bewusst gewählt wurde, um
einen breiten Protest im Zeichen des gewaltfreien Widerstands der Geschwister
Scholl zu organisieren.
Werner Pfennig, Bundesvorsitzender der VVN-Bund der Antifaschisten, erinnert
an die fast 200 Neonazi-Morde in den letzten 15 Jahren und daran, dass vor 60
Jahren die 12-jährige faschistische Gewaltherrschaft mit geschichtlich
einmaligen Massenmorden an den europäischen Juden und an Andersdenkenden
endete. Gegenüber alten und neuen Nazis könne es auch in einer
toleranten und weltoffenen Gesellschaft keine Toleranz und Duldung geben.
Er fordert die Auflösung aller faschistischen Organisationen, ein Verbot
jeder faschistischen Betätigung!
Martin Spreng, DGB-Regionsvorsitzender, geißelt Clements Vergleich von
Hartz-IV-Empfängern mit "Parasiten" als Terminologie des
Dritten Reichs. Mit solchen Bildern, Mobbing gegen Erwerbslose, der
millionenschweren Industrie-Kampagne "Neue soziale Marktwirtschaft"
und der täglichen Drohung, Betriebe ins Ausland zu verlagern, werde eine
Spaltung der Gesellschaft bewirkt und Hass erzeugt. Die Folge: bei 10-15 % der
Bevölkerung haben sich rechtsextreme Einstellungen festgesetzt. Er
wünscht sich von OB Fenrich eine juristisch konsequentere Bekämpfung
der Neonazis.
Arno Neuber vom Friedensbündnis Karlsruhe spricht über das
Vermächtnis der befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers
Buchenwald, "den Nazismus mit seinen Wurzeln zu vernichten, eine Welt des
Friedens und der Freiheit aufzubauen". Hingegen drücke sich heute die
Militärführung vor einer klaren Distanzierung zur Wehrmacht, ohne
die die Nazis ihre verbrecherischen Kriege nicht hätten führen
können. Der Umbau der Bundeswehr zur weltweiten Einsatztruppe ziehe
Neonazis gerade zu an. Er appelliert daran, gegen weltweite Kampfeinsätze
der Bundeswehr, Eingreifverbände und das Kommando Spezialkräfte
einzutreten und für eine Welt des Friedens, der Solidarität und der
Gerechtigkeit.
Johannes Stober von der SPD geht auf die Karlsruher
WiderstandskämpferInnen gegen den Faschismus ein, beispielhaft auf den
Kommunisten August Dosenbach, den Sozialdemokraten Ludwig Marum und den
Zentrums-Politiker Reinhold Frank. Es gelte den Anfängen zu wehren und
gemeinsam über alle Parteigrenzen hinweg Widerstand gegen Neonazis zu
leisten.
Ganz im Gegensatz dazu die Handlungsweise der Stadt Karlsruhe, die sich OB
Fenrich zurechnen lassen muss, angefangen mit einer unzureichenden
Verbotsbegründung für den Neonazi-Aufmarsch, fortgesetzt mit dem
unbegründeten Verbot der Gegenkundgebung auf dem
großräumigen Bahnhofsvorplatz, endend in einer Verfügung, die
Neonazis mittels weiträumiger Absperrung des gesamten Bahnhofsbereichs in
der Zeit von 10-22 Uhr zu schützen. Mit dieser Verfügung wäre
die Bewegungsfreiheit aller BürgerInnen eingeschränkt worden. Dank
der raschen rechtlichen Gegenwehr des Bündnisses wurde die Verfügung
vom Verwaltungsgericht zurückgewiesen. Die Begründungen des Gerichts
gegen die völlig überzogene Verfügung und die Beharrlichkeit
des Bündnisses führten schließlich dazu, dass die Kundgebung
doch wie von Anfang an geplant auf dem Bahnhofsvorplatz stattfinden konnte.
Der Einschätzung von Sicherheitschef Behnle im regionalen Fernsehen
unter Hinweis auf Gewaltszenen in Rastatt, dass sein Verbot der
Gegendemonstration auf dem Bahnhofsvorplatz in Karlsruhe gerechtfertigt war,
muss energisch widersprochen werden. Wenn die Polizei - wie in Rastatt
geschehen - Neonazis unter Anwendung von Gewalt schützt, z.B. durch
Einkesselung von Gegendemonstranten, muss sie sich über Empörung und
entsprechende Reaktionen nicht wundern. In Karlsruhe hat das gesamte
Bündnis unter Einschluss der autonomen AntifaschistInnen erfolgreich
gewaltfreien Protest demonstriert.
Festzuhalten bleibt im Ergebnis, dass der neonazistische "Doppelschlag
im wilden Süden" aufgrund der entschiedenen Gegenwehr der
Antifaschisten in Rastatt und Karlsruhe in einem Fiasko endete. Demokratie und
Antifaschismus haben gewonnen.
Das Karlsruher Bündnis wird seine Anstrengungen weiter verstärken,
um den Neonazis am 28. Januar 2006 erneut die Rote Karte zu zeigen. Für
diesen Tag haben die gleichen Neonazis erneut einen Aufmarsch angemeldet,
ausgerechnet zwischen den Jahrestagen der Befreiung von Auschwitz und der
Machtübertragung an den Hitlerfaschismus.
Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
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