17.12.2008

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"Ich wusste ja: Wenn ein Hund bellt, werd ich erschossen."

Auschwitz-Zeitzeuge Hugo Höllenreiner bei ver.di in Karlsruhe / Besichtigung des Dokumentations- und Kulturzentrums der Deutschen Sinti und Roma Heidelberg

Ein bewegender Dezember-Samstagnachmittag im Karlsruher ver.di-Haus. Hugo Höllenreiner aus Ingolstadt spricht vor über 50 Zuhörern über seine Verfolgung durch den Hitlerfaschismus, als 9-jähriger Sinto-Junge nach Auschwitz deportiert. "Ich berichte über mein Leben in den Konzentrationslagern der Nazis, weil ich nicht will, dass jemals wieder einem Menschen auf der Welt so etwas passiert. Nie wieder."

Hugo Höllenreiner am 13. Dezember 2008 im ver.di-Haus Karlsruhe. Im Hintergrund: Bild seiner Eltern

Und dann erzählt er mit leiser Stimme wie er im März 1943 mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wird. Fünf Tage lang dauert die Fahrt von München nach Auschwitz. 60 Menschen, stehend eingepfercht in einen Viehwaggon, ohne Essen, Wasser und Klo. Hugos Großmutter überlebt die Fahrt nicht.

In wenigen Monaten, konfrontiert mit unvorstellbaren Verbrechen, war Hugo zum Erwachsenen geworden. Ein Schlüsselereignis, als er im Februar 1945 von seiner Familie getrennt auf Transport geschickt werden sollte, schildert er so:

"Ich hab bloß geweint. Wo ist meine Familie? Ich hab versprochen, auf meine Familie aufzupassen. ... Ich wollt nicht mehr leben. Meine Familie ist ohne mich. Sie stirbt ohne mich und ich muss was tun. ... Da kam der SS-Mann rein und hat mich gesehen. Dabei hab ich geschluchzt und geweint. Lauft vorbei, dreht sich um, lauft wieder vorbei, stoßt mit dem Fuß den Mann neben mir an. Der Mann dreht sich um. Und schießt ihm in den Kopf. Der auf mich aufgepasst hat. Der mir sein Essen auch manchmal gegeben hat. ... Und dann hat es ein paar Tage später geheißen, ihr kommt weg. Ich dachte mir, nein, ich bleib hier. Meine Familie ist hier. Lieber sollen sie mich erschießen. ... Die Geste hat mir gezeigt, dass ich mitgehen soll. Da dacht ich, jetzt lauf ich halt mal mit. Und komme auf einem Güterbahnhof an. Da hab ich von weitem Güterwaggons gesehen, vielleicht so zwanzig, dreißig. Da dacht ich, ich fahr nicht mit, nein. Wo soll ich denn hin? Jetzt bin ich ganz alleine. Und hab so Gedanken gehabt. Und schau vor. Da seh ich ganz vorne, das könnte vielleicht meine Schwester sein. Da hab ich vor geschaut. War's die Frieda! Dacht ich mir: jetzt kann ich nur noch eins machen. Ich lauf jetzt hin. Werd ich erschossen, werd ich erschossen. Ohne meine Familie geh ich nicht weg. Bin raus. Meine Freunde haben mich noch festgehalten. Und bin gelaufen. Links SS, rechts SS. Da die Hunde, da die Hunde. Mitten durch bin ich gelaufen. Schritt für Schritt. Ich dachte mir: noch ein Schritt, noch ein Schritt. Kein Hundegebell. Kein Schießen. Gar nichts. Ich wusste ja: Wenn ein Hund bellt, werd ich erschossen. Und lauf bis zu meiner Schwester hin. Wo ist die Mama? Sie hat mich gleich mitgenommen zu ihr. Das Wiedersehen, das kann ich Euch sagen ... da war sie vor dem Viehwaggon gestanden. Schnell, geh rein, Junge. Bin rein. Hab mich ganz rechts in die Ecke gesetzt und gewartet, bis die Mama und die Geschwister rein kommen. Mama hat sich vor mich hingesetzt und ich hab sie von rückwärts umschlungen und hab sie geküsst. Mama, ich geh nie mehr weg, Mama, von Dir."

11-jähriger Sinto-Junge trotzt SS-Befehl

Man muss versuchen, sich diese dramatische Szene vorzustellen. Hugo hatte einem SS-Befehl zuwider gehandelt. Er war von der zum Transport vorgesehenen Gruppe weggelaufen. Das äußerst unwahrscheinliche geschah: Kein einziger der Wachhunde hatte angeschlagen, weil Hugo weder zu ängstlich noch zu forsch vorangeschritten war. Und die SS-Schergen waren vom Mut des Jungen, den sie in ihren Herzen längst getötet hatten, offensichtlich selber beeindruckt. Diese aus dem inneren Kampf von Gegensätzen geborene Mischung aus Entschlossenheit und Vorsicht, mit der das erwachsene Kind durch die SS-Postenkette schritt, hat ihm wohl das Leben gerettet.

Mit atemloser Spannung folgen die Zuhörer dem 100-minütigen Bericht des Zeitzeugen.

Hugo Höllenreiner, Auschwitzhäftling Z-3529, spricht darüber, wie er von der lächelnden SS-Bestie Dr. Mengele zu medizinischen Versuchszwecken operiert wurde. Darüber wie anderen Jungens Augen ausgeschnitten und Geschlechtsteile wegoperiert wurden. Wie Mütter mit ihren Baby's gemordet wurden, mit Baggern Erde darüber geschoben und wie er sah, dass sich die Erde noch bewegte. Einmal ein dumpfer Schlag und danach Stille. Er war gewahr geworden, dass ein SS-Mann ein Baby an die Wand geschlagen hatte, und er sah, dass das Gehirn ausgetreten war. Als Zehnjähriger musste er Leichen schleppen, die teilweise stark verwest waren. Er wurde Zeuge vieler furchtbarer Verbrechen, die sich unauslöschlich in seine Psyche eingegraben haben.

Sinti- und Roma-Widerstandsaktion in Auschwitz

Aber er erlebte auch eine Widerstandsaktion vom Sinti- und Roma-Häftlingen, an der sein mutiger Vater beteiligt war. Im Mai 1944 hatte die Lagerleitung beschlossen, das "Zigeunerlager" aufzulösen und alle Insassen umzubringen, um Platz für ungarische Juden zu schaffen. Drei Baracken waren bereits geleert und zum Krematorium abtransportiert worden. Hugo berichtet:

"Papa stand unten, gerade, mit dem Pickel in den Händen, und einer seiner Brüder mit einem Schaufelstiel, einer links, einer rechts. Draußen gingen sie auf das Tor zu, bestimmt sieben, acht Mann. Der Papa hat einen Schrei losgelassen. Die ganze Baracke hat gezittert, so hat er geschrieen: ›Wir kommen nicht raus! Kommt ihr rein! Wir warten hier! Wenn ihr was wollt, müsst ihr reinkommen!‹ Die blieben stehen, es war still. Nach einer Weile kam ein Motorrad angefahren, die unterhielten sich draußen. Dann sind sie weggefahren, der Lastwagen ist weitergefahren. Wir haben alle aufgeatmet. Die anderen sechs Brüder von Papa waren in anderen Blöcken. ... Da bin ich heute noch stolz drauf, das hat es selten gegeben, dass sich die Leute gewehrt haben."

Der Vater hatte sich zum Wehrmacht-Strafbataillon Dirlewanger (Häftlingsjargon "Kanonenfutter") gemeldet. Die Familie entkam damit einmal mehr dem Tod. Sie wurde jedoch nicht entlassen, sondern weiter "auf Transport" geschickt. Die KZ-Stationen: Ravensbrück, Mauthausen und schließlich das Hungerlager Bergen-Belsen, wo sie von der britischen Armee befreit werden.

In der Nacht, in der er meint, nicht mehr weiter leben zu können, nachdem er schon zwei Tage lang nicht mehr aufstehen konnte, hört er es rufen "You are free." Vom Hunger geschwächt, an der Grenze zwischen Leben und Tod, rappelt er sich hoch, sieht die Panzer am Tor, schleppt sich wenige Meter aus der Baracke und bricht zusammen.

KZ-Hölle überlebt und in der Bundesrepublik diskriminiert

Die Großfamilie Höllenreiner hat 36 Mitglieder verloren. Der elfjährige Hugo, seine fünf Geschwister und die Eltern überlebten. Als die Familie nach München zurückkehrte, waren alle krank. Sie standen vor dem Nichts, litten unter psychischen und physischen Verletzungen, unter den Folgen von Misshandlungen, Zwangssterilisation, Kälte und Hunger.

Und wie lief es mit der Wiedergutmachung? Nicht der Rede wert, 5000 DM und eine kleine Rente. Keinerlei behördliche Gedanken daran, den von den Nazis enteigneten Pferdehandel samt Wohnhaus zu entschädigen. Wohl aber Fortsetzung der Diskriminierung durch Beamte, die schon den Nazis gedient hatten und die z.B. gesundheitliche Schäden in Nazimanier nicht als haftbedingt, sondern als anlagebedingt einstuften.

Schweigen 48 Jahre nach der Befreiung gebrochen

Wie oft bei Überlebenden der KZ-Lager, konnte Hugo Höllenreiner lange nicht über das Erlittene sprechen. 1993 auf einer Kundgebung in München gelang es ihm erstmals, das tief Vergrabene an die Oberfläche zu holen. Seitdem hat er immer wieder Bericht erstattet, auf Veranstaltungen, vor Schulklassen. Die Journalistin Anja Tuckermann hat 2005 ein Buch über sein Leben geschrieben:

"Denk nicht, wir bleiben hier! Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner", Hanser-Verlag.

Unter großem Beifall der Versammelten bedankt sich Jürgen Ziegler, ver.di-Geschäftsführer und Veranstalter, bei Hugo Höllenreiner für diese einmalige Geschichtsstunde, und erklärte stellvertretend für die Anwesenden, dass wir den Kampf verstärken werden, damit sich so etwas nie wiederholt.

Besuch des Sinti- und Roma-Zentrums Heidelberg

ver.di-Besuchergruppe mit Silvio Peritore vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Vorangegangen war dem Zeitzeugen-Gespräch ein Besuch im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Silvio Peritore führte die 30-köpfige Gewerkschaftergruppe sachkundig durch die beeindruckende Ausstellung über den Leidensweg der Sinti und Roma unter dem deutschen Faschismus. Beeindruckend vor allem deswegen, weil durchgängig der rassistischen Vernichtungsideologie Bilder aus dem Leben und dem Alltag von Sinti- und Roma-Familien gegenüber gestellt werden. In diesem Spannungsfeld wird die Verlogenheit der Nazi-Propaganda, die derjenigen gegenüber der jüdischen Bevölkerung in nichts nachstand, sehr wirkungsvoll entlarvt.

Immer wieder gelingt es Herrn Peritore, interessante aktuelle Bezüge herzustellen. Bezeichnend sei es zum Beispiel, dass es keinen Aufschrei der Empörung gegeben habe, als sich im Frühjahr Mitglieder der Berlusconi-Regierung und der italienische Parlamentspräsident rassistisch gegenüber Sinti und Roma geäußert hatten. Noch immer werden Sinti und Roma als Opfer zweiter Klasse angesehen und schon wieder werden sie in EU-Ländern zu Sündenböcken gemacht.

Er erinnerte auch daran, dass die staatliche Diskriminierung der Sinti und Roma in der Nachkriegs-Bundesrepublik fortgesetzt worden. In einem empörenden Urteil erklärte der Bundesgerichtshof 1956, die "Zigeuner neigen zur Kriminalität". Auch diese Altlast aus der Zeit des Kalten Krieges konnte erst langsam überwunden werden.

Umso wichtiger ist es, gegen das Vergessen anzukämpfen. In diesem Sinne legte Jürgen Ziegler für die gewerkschaftliche Besuchergruppe Blumen am Mahnmal im Dokumentationszentrum nieder.

Verbot der NPD und aller neofaschistischen Organisationen

Bleibt noch nachzutragen, dass Hugo Höllenreiner aktives Mitglied der VVN-Bund der Antifaschisten ist und regelmäßig an Demonstrationen und Aktionen gegen Nazi-Auftritte mitwirkt. Wir alle müssen mithelfen, mehr Menschen für die demokratische Gegenwehr gegen Rechts zu gewinnen. Dazu gibt es nach dem Mordanschlag auf den Passauer Polizeipräsidenten einen weiteren gewichtigen Grund. Auf die Tagesordnung des Bundestags gehört jetzt dringlich, das NPD-Verbot durchzusetzen als ersten Schritt für die Auflösung aller rechtsradikalen/neofaschistischen Organisationen/Gruppen und ihrer Publikationen.

Dietrich Schulze
© Antifaschistisches Aktionsbündnis Karlsruhe