31.5.2008

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Der Feind steht rechts

"Braune Gedanken" und ihre Propagierung vor 1933

Von Dr. Manfred Koch

Diesen Vortrag hielt der frühere Stadthistoriker Dr. Manfred Koch auf der Info-Veranstaltung "Braune Gedanken ins Abseits stellen" am 27.5.2008 in Durlach.

Veranstalter waren Ortschaftsrat, Stadtamt, Schulen, Bürgergemeinschaften, Vereine und Kirchen.

Wer sich auf die Suche begibt nach einem Parteiprogramm brauner Gedanken vor 1933 wird 1920 fündig und zugleich enttäuscht. Das unter Mitwirkung von Adolf Hitler entstandene Programm der NSDAP enthält auf den ersten Blick willkürlich zusammengestellte, unverbundene 25 Punkte. Diese wurden dann 1926 sogar für unabänderlich erklärt.

Schaut man genauer hin, findet man Folgendes: Viele Programmpunkte entsprachen Forderungen die zu dieser Zeit auch andere Parteien erhoben. So etwa die Förderung des Mittelstandes, die Förderung der Volksbildung oder den Schutz der Jugend und der Familie. Andere waren darauf gerichtet, Emotionen der kleinen Leute zu bedienen. So etwa die Forderung nach Einziehung der Gewinne aus Kriegsgeschäften von 1914-1918 und der nicht durch Arbeit entstandenen Einkommen, des Verbots der Bodenspekulation und die Forderung nach einer Bodenreform. Andere wie die Beteiligung am Gewinn von Großbetrieben und der großzügige Ausbau der Altersversorgung sollten Begehrlichkeiten wecken.

Das alles blieben leere Formeln, in denen keine Aussagen zur Umsetzung in praktische Politik abzulesen und auch keine Bemühungen erkennbar waren, Widersprüchliches zu einem Gesamtprogramm zu formen. Aber darauf kam es gar nicht an. Es ging den Nazis nicht um rationale politische Analyse.

Das verdeutlichen jene anderen Programmforderungen, die alle wesentlichen Elemente des Herrschaftsanspruchs der Nazis enthalten. Nationalismus und Großraumideologie spiegeln die Forderungen zur Schaffung eines gleichberechtigten Großdeutschland und nach Lebensraum zur Ansiedlung der wachsenden deutschen Bevölkerung.

Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit drücken die Forderungen aus, Einwanderung zu verhindern, bzw. seit 1914 eingewanderte wieder auszuweisen und Juden nicht als Staatsbürger zu betrachten, die deshalb auch keine Zeitungen besitzen oder als Journalisten arbeiten dürfen. Antisemitisch ist auch die Einschränkung der Religionsfreiheit durch den Zusatz, "soweit diese nicht das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse" verletzt.

Ihren Antiparlamentarismus erklären die Nazis mit dem Kampf gegen die korrumpierte Parlamentswirtschaft. Mit der Forderung nach dem "gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluss auf unser Volksleben ausübt" verlangten sie nichts weniger als die Beseitigung der Freiheit von Kunst und Literatur.


Entscheidende Erweiterung erfuhr das braune Gedankengut 1925/26 durch die Veröffentlichung des in nur schwer verdaulichem Stil geschriebenen Buches "Mein Kampf". Der Autor Adolf Hitler verstand darin Geschichte als ewigen Kampf, in dem der Stärkere und Tüchtigste sich durchsetzt.

Dem arischen Volk der Deutschen werde, so wollte es Hitler sehen, aufgrund seiner Überlegenheit einst die Welt gehören. Für dieses Volk gelte das Führerprinzip, d.h. die uneingeschränkte Unterwerfung unter den selbstherrlich entscheidenden Führer. Das Volk sollte durch Aufhebung aller Klassenunterschiede zur Volksgemeinschaft geformt werden, in der das Individuum aufgehe. Damit könnten dann Marxismus, Liberalismus, Parlamentarismus und Republik in der Rumpelkammer der Geschichte verschwinden.

In diesem wahnhaften Denken nahm die Vernichtung der Juden eine zentrale Rolle ein. Die Juden waren für Hitler eine Rassen- und keine Religionsgenossenschaft, die ebenso wie die arische Rasse die Weltherrschaft erstrebe und deshalb vernichtet werden müsse.

Das war grob umrissen der Kern des braunen Gedankenguts vor 1933. Wer nun aber glaubt, dies alles in der Propaganda der Partei wieder zu finden, sieht sich getäuscht. Insbesondere der Antisemitismus und die Lebensraumerweiterung blieben bis 1933 für die Mobilisierung der Wähler unwichtig und auch ungeeignet.

Die Nazis waren 1925 bis 1929 noch eine völlig unbedeutende Splitterpartei. Es kam deshalb nicht auf Programmdiskussionen an, sondern darauf die Partei als willensstarke politische Kraft zu präsentieren, mit der die Macht errungen werden sollte. Dazu war die programmatische Unklarheit und Vieldeutigkeit hilfreich, denn sie ermöglichte es, je nach regionaler und sozialer Situation die Propaganda flexibel zu gestalten.

Sympathiegewinne erzielten die Nazis vor allem mit ihrer entschiedenen Agitation gegen den Vertrag von Versailles, mit dem die Sieger des Ersten Weltkriegs Deutschland schwere Lasten aufgebürdet hatten, mit ihren Zielen des deutschen Wiederaufstieg zu nationaler Größe und der Überwindung des Parteienkampfes durch die Schaffung der Volksgemeinschaft.


In ihrem Kampf gegen das System des Parlamentarismus verfolgten die Nazis ganz unverhohlen eine Doppelstrategie. Sie stellten sich scheinbar auf den Boden des Parlamentarismus und beteiligten sich an Wahlen, aber nur um das System mit den Mitteln scheinbarer Legalität um so besser aushebeln zu können.

Joseph Goebbels, damals NS-Gauleiter in Berlin, spottete öffentlich nach seiner Wahl in den Reichstag 1928: "Ich bin kein Mitglied des Reichstages. Ich bin ein IdI. Ich bin ein IdF. Ein Inhaber der Immunität, ein Inhaber der Freifahrkarte der Bahn. ... Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in der Schafherde einbricht, so kommen wir."

Hitler selbst hatte in einem Prozess 1930 als Zeuge unter Eid ausgesagt: "Wir werden auf verfassungsmäßigem Wege die ausschlaggebenden Mehrheiten zu erlangen suchen und in dem Augenblick, wo uns das gelingt, den Staat in die Form gießen, die unseren Ideen entspricht."

Das Gericht nahm ihm dies so ab, ohne begreifen zu wollen oder zu können, dass damit dann auch ein Bruch der Verfassung erfolgen würde. Adolphe Légalité nannten ihn spöttische Zeitgenossen daraufhin.

Die Partei setzte aber in ihrem Auftreten nicht nur auf legalistische Anpassung und Verführung durch das Versprechen von allerlei Veränderungen und Verbesserungen. Ein besonderes Merkmal der Nazi-Bewegung war von Anfang an politische Provokation und Gewalt.

Zum Instrument dafür machten die Nazis die Sturmabteilung, abgekürzt SA. Diese mit einheitlichen Braunhemden ausgestattete Truppe hatte als Aufgaben: den Saalschutz von Nazi-Versammlungen, die Inszenierung kriegerischer Aufmärsche und gewalttätige Übergriffe gegen politische Gegner. Mit hoher Brutalität geführte Saal- und Straßenschlachten waren der Ausdruck der Entschlossenheit und des Willens zur Tat. In den bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten gab es bald Hunderte von Toten und Verletzten.

Allein von Januar bis September 1932 zählte man offiziell 155 Erschlagene, Erstochene und Erschossene. Die Initiative zur Gewalt ging zumeist von der SA aus, z. B. durch die gezielte Provokation mit dem Einmarsch in proletarische Stadtviertel. So auch im Juli 1932 in Altona bei Hamburg. Bei einer Schießerei zwischen Nazis, Kommunisten und Polizei starben dort 18 Menschen und 285 wurden verletzt.

Man darf aber nicht glauben Ausschreitungen und Schlägereien habe es nur im fernen Altona oder in Berlin, München oder im Ruhrgebiet gegeben. Auch in der Provinz provozierten und prügelten die Schlägertrupps der SA. Auch in Durlach gab es einen Toten. Allerdings auf Seiten der provozierenden Nazis. 1925 waren diese auf einem Lastwagen zur Propagandafahrt in umliegende Dörfer aufgebrochen, wo es zu Krawallen gekommen war. Bei der Rückkehr nach Durlach wurden sie am Bahnhof mit einem Hagel von Steinen empfangen. Darauf wurde aus dem Wagen geschossen. Ein zurück schießender Polizist traf dabei einen jugendlichen SA-Mann in dem Wagen tödlich.


Die Missachtung des Parlaments verdeutlichten die Nazis auch in Karlsruhe unübersehbar. Im badischen Parlament, dem Ständehaus, provozierten sie mit ihren sechs Abgeordneten immer wieder Skandalauftritte mit Prügeleien, die mit wochenlangen Sitzungsausschlüssen geahndet wurden. Im Karlsruher Rathaus kam es 1931 zu einer heftigen Prügelei, bei der Tische und Stühle zu Bruch gingen. Zur Beruhigung der Kampfhähne vor allem der Nazis musste die Polizei zu Hilfe gerufen werden. Die Wirkung dieser das Ansehen der Demokratie schädigenden Schlägereien wurde durch die NS-Presse mit breiter Berichterstattung verstärkt.

Es stellt sich nun natürlich die Frage, konnte der Staat dem Treiben nicht Einhalt gebieten? Das wurde auf Ebene der Länder - besonders hartnäckig in Baden - versucht mit Uniform-, Demonstrations-, Versammlungs- und Zeitungsverboten. Aber die bestanden immer nur für Wochen und wurden zum Teil auch von vorgesetzten Dienststellen des Reiches oder Gerichten wieder aufgehoben.

Zudem waren die Strafen für rechtsextreme Täter besonders milde. Eine Statistik für 1920-1924 verdeutlicht das drastisch: Bei insgesamt 376 politischen Morden entfielen 345 auf rechts stehende Täter. Sie erhielten im Schnitt jeweils vier Monate Gefängnisstrafe. Von den 22 als links stehend eingestuften Tätern aber wurden zehn hingerichtet und zwölf erhielten im Schnitt 15 Jahre Gefängnis.

Bis zum Ende der Republik 1933 hatte sich nichts daran geändert, dass die Justiz auf dem rechten Auge blind war. Die frühe Erkenntnis des Reichskanzlers Joseph Wirth von 1922: "Der Feind steht rechts" fand kein Gehör.


Eine weitere Frage stellt sich: Hat denn niemand versucht die braunen Gedanken ins Abseits zu stellen? Doch! Dazu vier Beispiele:

1933 predigte der Karlsruher Pfarrer Heinz Kappes, schon nach Büchelbronn zwangsversetzt: "Wer über das Jetzt in die Zukunft schaut, wer mit den Augen Gottes (...) auf das Saatfeld unseres Volkes schaut, der sieht mit Angst die drohende Katastrophe, der sieht den Satan triumphieren, der sieht ein Totenfeld, wo heute neues, starkes Leben zu sein scheint."

Der Sozialdemokrat Emil Maier warnte 1930 im Ständehaus zu Karlsruhe: "Wenn die Ziele der Nazis verwirklicht werden, dann haben wir in zwei Jahren einen fürchterlicheren Weltkrieg als vorher. Wenn sie es so weitertreiben, ist Deutschland zerrissen von denen, die sich als nationale Hüter aufgeworfen haben."

Der Heidelberger Privatdozent Emil Julius Gumbel stellte zu seiner Liste von 63 Nazimorden im Jahr 1931 fest: "In diesen Bluttaten offenbart der Faschismus sein wahres Gesicht. Er zeigt dem deutschen Volk die Methoden, deren er sich bedienen wird, wenn er zur Macht kommen sollte."

Und Kurt Tucholsky fragte 1930 voller Verzweiflung in seinem Gedicht 'Deutschland erwache': "Dass der Nazi dir einen Totenkranz flicht: Deutschland, siehst du das nicht?"


Die Antwort gab die weitere Entwicklung. Als die Nazis seit dem 30. Januar 1933 die Macht hatten, da wurde in atemberaubender Schnelligkeit die Republik beseitigt, die Parteien und Gewerkschaften verboten und die Rechtsstaatlichkeit hinweggefegt.

Einige zehntausend Arbeiter vor allem der KPD hat der Versuch, dann noch gegen die Nazi-Diktatur Widerstand zu leisten, das Leben gekostet, einige hunderttausend Sozialdemokraten und Kommunisten haben mit zum Teil langem KZ-Aufenthalt dafür bezahlt. Und am Ende des Dritten Reiches hatte auch eine kleine Gruppe Offiziere begriffen, mit welchen Verbrechern sie sich anfangs gemein gemacht hatten und ein Attentat organisiert. Aber auch Ihr Versuch, dem Grauen ein Ende zu bereiten scheiterte.

Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber eine Schlussfolgerung lässt diese Geschichte der NS-Diktatur doch zu. Nur rechtzeitiger Widerstand kann verhindern, dass sich braunes Gedankengut ausbreitet und sein menschenverachtendes mörderisches Potential Realität wird.

Aus diesem Grund muss Demokratie auch wehrhaft sein. Sie muss in der Lage sein, jene Kräfte zu bekämpfen, die sie zerstören wollen. Grund- und Menschenrechte, demokratische Institutionen und rechtsstaatliche Normen sind keineswegs selbstverständlich, auch wenn uns das in Deutschland nach 60 Jahren Demokratiegeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg so scheinen mag.

Freiheit, Recht und Demokratie wurden in hartem Ringen und unter Opfer vieler Menschenleben seit der französischen Revolution 1789 erkämpft. Jeder Einzelne ist deshalb aufgerufen seinen Beitrag zu leisten, um Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit gegen schleichende Aushöhlung zu schützen und gegen offene Angriffe zu verteidigen.

Ein wichtiger Beitrag dazu ist es, braune Gedanken ins Abseits zu stellen.

Dr. Manfred Koch
© Antifaschistisches Aktionsbündnis Karlsruhe